Buchtipps

 

Anselm Oelze: Wallace (2019)

 

Wer entwickelte die Evolutionstheorie? Die meisten Leute, die darauf antworten können, würden wohl: "Charles Darwin" (1809-1882) sagen. Es gibt im Zusammenhang mit großen Erfindungen und Entdeckungen oft nur einen berühmten Namen. Es kommt eben darauf an, wer zuerst veröffentlicht hat! Aber ist das gerecht? Nein, findet der verschrobene Museums-Nachtwächter Alfred Bromberg. Darum erzählt dieser Roman nicht über den langjährigen Regenwurmforscher Charles Darwin, sondern über die erstaunlichen Beobachtungen des Alfred Russel Wallace (1823-1913), der seinerseits auf die Entwicklung der Arten durch Anpassung an die Umweltbedingungen gekommen ist.

 

 

Lukas Linder: Der Letzte meiner Art (2018)

 

Alfred von Ärmel ist der jüngste Nachkomme einer Berner Traditionsfamilie, deren Stammbaum bis ins vierzehnte Jahrhundert zurückreicht. Doch leider verfügt Alfred weder über eine „schöne Seele“ wie sein Bruder Thomas, noch ist er kampftauglich wie sein berühmter Vorfahr und Namensvetter, der düster vom Familiengemälde auf ihn herabschaut und den Beinamen „Der Schlächter von Marignano“ trägt. Wahre Helden sind einsam, sagt Alfred sich tapfer und arbeitet daran, dem Namen seiner völlig verkorksten Familie Ehre zu zollen ...

 

 

Anne Cathrine Bomann: Agathe (2018)

 

Ein Psychiater steht kurz vor dem Ruhestand. Er zählt die Therapiesitzungen, die er noch hinter sich bringen muss. Längst hat er es aufgegeben, seine Patienten verstehen zu wollen. Ihre Probleme langweilen ihn. Er glaubt nicht mehr daran, jemandem helfen zu können. Was er am wenigsten gebrauchen kann, ist eine neue Patientin. Doch seine Sprechstundenhilfe setzt sich über ihn hinweg. Die neue Patientin ist natürlich Agathe ...

 

 

 

Carl von Siemens: Der Tempel der magischen Tiere (2018)

 

„Der Tempel der magischen Tiere“ sind drei Reiseberichte des 1967 geborenen Autors Carl von Siemens. Er ist – wie sein Name vermuten lässt – ein Spross der Unternehmerfamilie. Das Thema seiner Reisen ist die Suche nach dem Ursprünglichen, Unverfälschten. Er lernt von alten Kulturen in Australien, auf einer winzigen Insel im Pazifik und in Amazonien. Die Initiationen des Autors sind alle drei sehr unterschiedlich und nicht in wenigen Worten zu beschreiben.

 

 

Eve Harris: Die Hochzeit der Chani Kaufman

The Marrying of Chani Kaufman (2013)

 

Die neunzehnjährige Chani Kaufman hat ihren eigenen Kopf. Das sind nicht die besten Heiratsvoraussetzungen in einer in jüdisch-orthodoxen Gemeinde. Der Alltag ist streng reglementiert. Spitzfindige Gemeindemitglieder überwachen die Regeltreue anderer mit Argusaugen. Thema des Buches sind Eheanbahnungen sowie Liebesbeziehungen: glückliche, gefestigte, unglücklich gewordene, unerwünschte und verbotene.

 

 

Wieland Freund: Krakonos (2017)

 

Die Eltern des dreizehnjährigen Nik und des elfjährigen Levi widmen ihr Leben einem Internetkonzern. Ihre Söhne verbringen viel Zeit im Kinderhort des Unternehmens, einer durchgestylten Hightechwelt. Levi passt nicht in diese Welt und fühlt sich intensiv zu den wenigen Tieren und Pflanzen auf dem Gelände hingezogen. Als er eines Nachts von einem Raben träumt, ahnen die Jungen noch nichts vom Geheimnis der „Innerirdischen“, welches nicht nur vom Geheimdienst streng gehütet wird. Doch bald darauf sind sie auf der Flucht mit dem Berggeist des Riesengebirges („Krakonos“ oder auch „Rübezahl“), der einem SEK zum Abschuss freigegeben wurde ...

 

 

Ingrid Kaltenegger: Das Glück ist ein Vogerl (2017)

 

Zugleich absurd und aus dem Leben gegriffen, witzig und rührend. Die Hauptfigur ist ein Antiheld, sein Antagonist anscheinend ein Geist. Trotzdem driftet der Roman nie in Kitsch oder Blödelei ab. Und das, obwohl „Das Glück ist ein Vogerl“ ist nach einem sentimentalen österreichischen Volkslied benannt ist, und trotz eines „Glückskurses“, der ironisch „Elevator to Happiness“ heißt. Dieser ironische Erzählton, der doch berührt, macht diesen Roman so besonders.

 

Isabelle Autissier: Herz auf Eis

Soudain, seuls (2016)

 

Ein junges Paar legt ein Sabbatjahr ein, um auf den Weltmeeren zu segeln. Er ist die treibende Kraft, ein Sunnyboy: offen, optimistisch, wagemutig. Sie dagegen ist reserviert, zögerlich, eine erfahrene Bergsteigerin. Ein Ausflug auf eine verlassene Insel vor Kap Hoorn wird ihnen zum Verhängnis, denn nach einem Sturm ist ihr Schiff verschwunden. Trotz sorgfältiger Vorkehrungen für ihre Reise sind sie von der zivilisierten Welt abgeschnitten und können nur auf eine zufällige Rettung hoffen. Wer sind sie im Kampf ums Überleben?

 

 

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

The Noise of Time (2016)

 

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906-1975) ist ein gefeierter russischer Komponist, bis Stalin eines seiner Konzerte während der Aufführung verlässt. Schostakowitsch wird von der Presse als nicht linientreu verdammt und rechnet jede Nacht mit seiner Verhaftung und Ermordung. Er bleibt davon verschont, doch er wird zum Spielball der Macht.

 

 

Klaus Modick: Konzert ohne Dichter (2015)

 

Im Mittelpunkt dieses fiktionalen, aber aufgrund wahrer Begebenheiten komponierten Romans steht ein Gemälde von Heinrich Vogeler (1871-1942). Es heißt "Sommerabend am Barkenhoff" oder "Das Konzert" und zeigt scheinbar eine Idylle. Klaus Modick interpretiert stimmungsvoll, warum diese trügt, warum der Dichter Rainer Maria Rilke - der aus Vogelers Sicht ausführlich charakterisiert wird - fehlt, und warum Vogeler den Gipfel seines Ruhmes nicht genießen kann.

 

 

Donna Tartt: Der Distelfink

The Goldfinch (2013)

 

"Der kleine Freund" war der erste von Donna Tartts drei Romanen, den ich gelesen habe und fand ihren Stil atemberaubend. Entsprechend erwartungsvoll ging ich an den hochgelobten Distelfinken. Zweihundert Seiten lang habe ich mich schwergetan, doch dann nahm mich dieser abgründige literarische Trip gefangen wie kaum einer und ich schlug wieder und wieder das Abbild des Gemäldes "Der Distelfink" des niederländischen Malers Carel Fabritius von 1654 auf, in dessen Besitz der Protagonist durch tragische Umstände geraten ist ...

 

 

Kai Weyand: Applaus für Bronikowski (2015)

 

Die Eltern des dreizehnjährigen Nies haben im Lotto gewonnen und wandern nach Kanada aus – ohne Kinder. Nies wird in die Obhut seines älteren erfolgsorientierten Bruders übergeben, aus dessen Sicht alles im Leben berechenbar ist. Fortan nennt sich Nies „NC“, das steht für „No Canadian“. Er wächst zum eigenbrötlerischen Erwachsenen heran und findet Arbeit in einem Bestattungsunternehmen. Über seine darüber schockierten Angehörigen schüttelt NC den Kopf, denn er hat eine ganz eigene Sicht der Dinge. Mit großem Ernst widmet er sich der Aufgabe, den Verstorbenen ihren letzten Dienst zu erweisen ...

 

 

Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte (2012)

 

Dank dieses Buches habe ich erfahren, dass es in Japan Hikkikomori gibt: Jugendliche und junge Erwachsene, die sich zur Verzweiflung ihrer Angehörigen völlig von der Welt abkapseln. „Ich nannte ihn Krawatte“ ist die Geschichte eines Hikkikomori und eines Mannes, der seine Arbeit verloren hat und zum Schein jeden Tag auf einer Parkbank das Mittagessen verzehrt, welches seine nichtsahnende Frau für ihn zubereitet hat. Nach und nach öffnen sich die beiden Außenseiter einander ...

 

 

Peter Härtling: Das ausgestellte Kind. Mit Familie Mozart unterwegs (2007)

 

In einem Nachmittag Lesezeit entführt uns die Romanbiographie in die Siebzehnhundertsechziger auf Europatournee mit den Kinder-Klavierwundern Woferl und Nannerl Mozart. Auf einer oft umbequemen Reise vom Vater von Auftritt zu Auftritt getrieben, präsentieren die Kinder dem staunenden Publikum ihre außergewöhnlichen musikalischen Fähigkeiten. Auf sehr einfühlsame Weise erweckt Peter Härtling das Woferl zum Leben, und aus der Perspektive des Jungen werden auch seine Familie und die Exzellenzen, für die er spielt, quicklebendig.

 

 

Markus Orths: Lehrerzimmer (2003)

 

Endlich erhält Junglehrer Kranich den ersehnten Anruf vom Oberschulamt und tritt seine erste Stelle an einem Göppinger Gymnasium an. Ihn erwartet der Vorhof der Hölle - oder ist es schon die Hölle selbst? Nicht umsonst stützt sich das Schulsystem auf die vier Säulen:    1. Angst 2. Jammer 3. Schein und 4. Lüge! Selbst die konspirativen Kneipentreffen bieten keinen Ausgleich, denn im Kollegium scheint es einen Maulwurf zu geben ... Ein satirischer Spießrutenlauf durch die pädagogische Unterwelt.

 

 

Jostein Gaarder: Das Kartengeheimnis

Kabalmysteriet (1990)

 

Viele Menschen sind ganz schön festgefahren. Zum Glück gibt es Joker - wie den zwölfjährigen Protagonisten und seinen Vater - die den Sinn des Daseins hinterfragen. Was haben ein Schiffbrüchiger, ein lebendig gewordenes Kartenspiel und der Purpursaft, welcher an jeder Körperstelle anders schmeckt, damit zu tun? ... Ich liebe es, wie dieser Roman konstruiert ist. Bitte Kartenspiel bereithalten, um es durch die Finger gleiten zu lassen!

 

 

Jacques Lusseyran: Das wiedergefundene Licht

And there was light (1966)

 

Der Autor erblindet als Kind bei einem Unfall und beschreibt Wahrnehmungen, die mir kaum bekannten Sinnen zu entstammen scheinen. Als Jugendlicher gründet er im von den Nazis besetzen Paris eine Widerstandsorganisation. 1943 wird er verhaftet. Nach einem halben Jahr Einzelhaft ist er anderen im Konzentrationslager Buchenwald ein "Quell der Hoffnung". Er hat einen tiefen Glauben und dieser erfüllt ihn mit Kraft, die er weitergibt. Der Bericht endet mit der Befreiung Buchenwalds. Jacques Lusseyrans starb 1971 bei einem Verkehrsunfall.

 

 

Marlen Haushofer: Die Wand (1963)

 

Bei Literaturverfilmungen stört es mich, wenn ich mir etwas ganz anders vorstellt habe. Bei "Die Wand" befürchte ich, dass meine Vorstellung und der Film sich stark ähneln könnten und der intensive Leseeindruck überlagert würde. In schicksalsergebenem Ton findet sich die Protagonistin mit der surrealen Situation ab, im Gebirge durch eine unsichtbare Wand isoliert zu sein. Marlen Haushofers Vater war Förster. Sie schien Ahnung von Überlebenstechniken zu haben.

 

 

Leo Perutz: Der Meister des jüngsten Tages (1923)

 

Im Jahre 1909 tragen sich in der gehobenen Wiener Gesellschaft mysteriöse Selbstmorde zu. Warum nehmen sich Männer und Frauen überraschend und ohne Abschiedsgruß hinter abgeriegelten Türen das Leben? Ist der Ich-Erzähler ein Mörder? Oder hat gar der Teufel seine Finger im Spiel? Mir spukt an dieser Stelle ein klangvolles Wort im Kopf herum, das ich leider nicht verraten kann ...

 

 

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray

The Picture of Dorian Gray (1891)

 

Der junge, schöne Dorian Gray ist gut, bis ein zwielichter Maler ein Gemälde von ihm anfertigt. Dorian Gray bleibt schön, doch sein Charaker verfällt. Er steigt in der Gesellschaft auf, aber das Gemälde - welches er sorgsam verbirgt - entblößt die Spuren seiner Grausamkeit. Mit jedem Mal, da er es ansieht, verstört es ihn mehr ...

 

 

Mary Shelley: Frankenstein oder der moderne Prometheus

Frankenstein or The modern Prometheus (1818)

 

Das vom Wissenschaftler Frankenstein auf grauenerregende Weise geschaffene und dann verstoßene "Monster" entwickelt einen liebevollen und edlen Charakter. Sein sehnlicher Wunsch ist es, trotz seines furcherregenden Äußeren Menschen von seiner Güte zu überzeugen und ihre Freundschaft zu erlangen. Es gelingt ihm nicht ... Ein Klassiker, der viel mehr erzählt als von mir erwartet und abenteuerliche Schauplätze bereithält.

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Judith Renz